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Brigitte Woman 4/06, August 2006, Seite 106 Mein Beruf: Alles Käse»Was wir machen, interessiert den Großhandel nicht« von Stefan Siegert Das schmucke Backsteinhaus in Besdorf am Nord-Ostsee-Kanal heißt seit fünf Jahren wieder zu Recht »Alte Meierei«. Oder fast zu Recht. Denn die neuen Besitzer Sibylle Kober, 35, und ihr Mann Markus stellen weder Butter noch Sahne her oder den traditionellen Wilstermarsch-Käse, wie es bis vor 30 Jahren bei der Genossenschaftsmeierei üblich war. In den restaurierten und modernisierten Betriebs- und Kühlräumen lagern und reifen 140 Sorten Rohmilchkäse. Die passen gerade noch in die Glastheke des elfenbeinfarbenen Anhängers, den ein Landrover dreimal pro Woche auf fünf Hamburger Ökomärkte zieht. Am Steuer sitzt – jeden Morgen um halb sechs – der frühere Theologiestudent Markus Kober. Auch die ehemalige Krankenschwester Sibylle fuhr lange mit und verkaufte Käse, bis sie vor sechs Jahren schwanger wurde. Seither nehmen zwei Angestellte ihren Platz ein, und Sibylle Kobers Berufsarbeit hat sich größtenteils in den Abend verlagert. Lieferanten abfertigen, Wareneingang und Neubestellungen regeln, Rechnungen schreiben – das schafft sie auch mit Dauerseitenblick auf ihre beiden Kinder. Aber die großen Laibe Comté und Emmentaler bürsten, waschen und wenden, andere Sorten mit Bränden, Olivenöl oder Lake bepinseln, nachschauen, wie sich der normannische Probe-Camembert in seinem Weinbett macht – dazu kommt Sibylle Kober erst, wenn die Söhne im Bett sind. Das Veredeln der Käse im feuchten, kühlen Reifekeller verlangt volle Konzentration. Um unabhängig vom Großhandel zu sein, haben Kobers mit anderen Händlern und Produzenten eine Genossenschaft gegründet. »Wir machen und verkaufen alles, was pflegeintensiv ist und ausgefallen, was es nicht ganzjährig gibt und nur in geringer Menge – und was darum den Großhandel nicht interessiert«, sagt Sibylle Kober. Über eine Beratungsagentur betreibt die kleine Genossenschaft neuerdings auch Produktentwicklung. Einer Käserin zum Beispiel fehlte eine zündende Idee. Diverse Naturschnittkäse – mit Paprika oder Schnittlauch, mit Basilikum oder Möhren – boten auch andere an. »Was noch fehlt«, so Sibylle Kober, »ist ein Grill- und Bratkäse.« Der kommt wie ein Stück Fleisch auf den Grill oder in die Pfanne, bis er außen knusprig ist und innen schön weich. »Genau den produzieren die jetzt«, berichtet sie. Spitzenkäse ist Teil des Lebens im Hause Kober. Und das heißt auch: kleine Mengen, kleine Betriebe. »Einen zweiten Anhänger wird es bei uns nicht geben«, sagt Sibylle Kober. Da ginge der Kontakt zu den Kunden verloren, die für 100 Gramm Rohmilchkäse hier gern bis zu zwei Euro mehr zahlen. »Die Leute kommen ja auch wegen uns. Manchmal warten sie extra, weil sie sich vom Chef bedienen lassen wollen – oder eben auch mal von der Chefin.« Brigitte Woman 4/2006, August 2006, S. 106 |
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